Praxis Dres. Bahr
Praxisinfo Saarbrücken | Praxisinfo Wallerfangen  

"Kinder in der Zahnarztpraxis -
aus der Perspektive des Arztes"

Artikel von Frau Dr. Richter-Bahr in der pädagogischen Fachzeitschrift "Sache-Wort-Zahl" vom März 2005.


Dr. Richter-BahrKinder kommen zwar wie die Erwachsenen als Patienten zu mir in die Praxis, aber sie sind Kinder und erwarten von mir, dass ich auf sie eingehe, ihre Eigenheiten und ihre Ängste beachte und ihre Erwartungen erfülle - und nicht nur ihre Zähne mit "Plomben" fülle. Kinder sind Kinder und darum als solche zu behandeln.

Ich möchte im Folgenden kurz und bündig darlegen, welche Erfahrungen ich mit Kindern mache, wie ich mit Kindern grundsätzlich und wie ich mit verschiedenen Typen von Kindern speziell umgehe; ferner werde ich aber auch darlegen, was ich von den Kindern, von den Eltern und - in eingeschränktem Maße - von der Schule erwarte.

In der Vergangenheit wurde die Behandlung von Kindern eher "nebenbei erledigt" und oft als Belastung empfunden. Die Erkenntnis, dass frühe Zahnpflege und rechtzeitige Zahnbehandlung unter prophylaktischem Gesichtspunkt ungemein wichtig sind, hat zu einem Wandel geführt. Erfreulicherweise gibt es heutzutage immer mehr Kollegen, die die Kinderzahnheilkunde als Bereicherung in ihrem Praxisalltag sehen und Kinder als ernstzunehmende Patienten betrachten. Dies erklärt auch die immer größere Zahl von Praxen, die sich auf die Kinderbehandlung spezialisiert haben. Dazu ist aber eine entsprechende Einstellung des gesamten Praxisteams und nicht nur des Arztes unabdingbar. Kurz:

Der junge Patient wird nicht mehr als Störenfried im Praxisalltag empfunden, auch nicht mehr als schwieriger Fall, sondern eher als spezifische Herausforderung gesehen.

Typen

Im Laufe der Jahre habe ich im Praxisalltag einige Typen von Kindern kennen gelernt; ich gehe nur auf die ein, mit denen ich häufiger konfrontiert werde. Dabei bin ich mir der damit einhergehenden Problematik sehr wohl bewusst, Kinder in "Schubladen" zu stecken, da jedes Kind eine einzigartige Persönlichkeit darstellt. In der Behandlung steht diese immer im Vordergrund. Um die Art und Weise darzustellen, wie ich mit den kleinen Patienten, darunter den etwas schwierigeren, während der Behandlung umgehe, ist diese Typisierung jedoch von Vorteil.

Das ängstliche Kind: Falls ein Kind von Natur aus eher ängstlich ist oder schon schlechte Erfahrungen gemacht hat, versuche ich die Behandlung auf die Punkte zu beschränken, die ich ihm zuvor angekündigt und erklärt habe. Das Wissen um das, was gemacht wird, reduziert beim Kind die Angst vor dem (noch) Unbekannten und Überraschenden und ist die Basis des Vertrauens. Das Kind fühlt sich weniger ausgeliefert. Dabei verwende ich keine negativ besetzten Wörter wie zum Beispiel Bohrer, Spritze oder Sauger, sondern kindgerechte Umschreibungen wie Zahndusche, Einschlafwasser oder Schlürfi. Die Funktion fast aller Geräte wird vor ihrer Anwendung erklärt und wenn möglich demonstriert. Außerdem versuche ich selbst während der Behandlung mit dem Kind Körperkontakt zu halten, etwa an der SchuIter, Schläfe oder am Scheitel. Wenn es mir nicht möglich ist, übernimmt dies die Assistentin. Dieser leichte Körperkontakt sorgt zum einen für eine angenehme Atmosphäre, das Kind fühlt sich nicht den "kalten" Werkzeugen ausgeliefert, zum anderen fällt es dem Kind leichter, während dieser Zeit ruhig liegen zu bleiben.

Manchmal ist es außerdem noch nötig, das Kind von der eigentlichen Behandlung, dem Geschehen im Mund, abzulenken. Dies geschieht, indem ich - oder meine Assistentin - dem Kind kleine Geschichten erzählen, Wortspiele machen, kleine Rechenaufgaben lösen lassen usw. Eine weitere Möglichkeit, eine vertrautere Umgebung für das Kind zu schaffen, besteht darin, dass das Kind sein Lieblingskuscheltier, seine Lieblingskassette zum Anhören o. ä. mitbringt. Wie mir manche Kinder erzählen, dürfen sie das in der Schule bzw. im Kindergarten auch. So konnte ich ein kleines Mädchen von vier Jahren, das schon vier Mal wegen mangelnder Kooperation den Zahnarzt gewechselt hatte, durch den Einsatz einer Hörkassette zum Erstaunen seiner Mutter problemlos behandeln. Die Kassette bleibt bis zum Abschluss der Behandlung in der Praxis, und Lena darf jedes Mal ein Stückchen weiter hören.

Das verwöhnte Kind: Ein weiterer Typus von Kind, der nach meiner Beobachtung immer häufiger vorkommt, ist der des sehr verwöhnten und damit kaum belastbaren Kindes. In diesen Fällen hat es sich bewährt, diesen Kindern recht enge Grenzen zu setzen, genaue Abmachungen zu treffen, ganz klare Anweisungen zu geben und darauf zu achten, dass diese Abmachungen - natürlich auch von mir - peinlichst genau eingehalten werden. So vereinbare ich zum Beispiel, dass ich bis drei zähle während ich einen Zahn "saubermache", um dann eine kurze Pause zu machen. Das für die jeweilige Sitzung vereinbarte Behandlungsziel sollte auf jeden Fall erreicht werden, sonst sind die Voraussetzungen für zukünftige Sitzungen nicht günstig. Diese Vorgehensweise eignet sich auch für die Behandlung von hyperaktiven Kindern.

Das problemlose Kind: Schließlich ist noch die Gruppe der Kinder zu erwähnen, die sich leicht bzw. ohne große Schwierigkeiten behandeln lassen und erfreulicherweise in der durchschnittlichen Zahnarztpraxis auch den größten Teil unter den Kindern ausmachen. Allerdings gibt es auch hier kritische Situationen, die eine besondere Anforderung an mich und meine Assistenz stellen, wie zum Beispiel das Verabreichen einer Anästhesie (Spritze), die Extraktion eines Zahnes oder das Eröffnen eines Abszesses. Auch in diesen Fällen versuche ich die Kinder vom eigentlichen Geschehen abzulenken. Dazu kann man zum einen eine Geschichte erzählen, die mit der Behandlung nichts zu tun hat. Zum anderen gibt es eine Methode aus der Hypnose, bei der die Kinder sich etwa bei einer Extraktion einen schweren Stein mit bestimmter Beschaffenheit und Farbe vorstellen und im Geist versuchen, diesen Stein zu verschieben und so den Druck beim Zahnziehen verarbeiten können. Ebenso gut kann es sein, das Kind während der Extraktion eine kleine Dose für seinen Zahn aus einer ganzen Auswahl mit verschiedenen Formen und Farben auswählen zu lassen. Für bewegungsfreudige Kinder halten wir kleine Rasseln bereit, die sie während der kritischen Phase nach Herzenslust schütteln können.

Natürlich kommt es hin und wieder vor, dass eine Behandlung doch nicht wie geplant durchgeführt werden kann. In diesen Fällen ist es mir ganz wichtig, dass die Kinder trotzdem mit einem guten Gefühl die Praxis verlassen. Deshalb werden aufgetretene Schwierigkeiten besprochen, das Geschehene erklärt und eine positive Perspektive für die Folgesitzung aufgezeigt. Mit einem kleinen Geschenk und einem dicken Lob für das, was sie bereits erfolgreich hinter sich gebracht haben, sollten die Kinder den Besuch in der Praxis - und natürlich auch mich - in guter Erinnerung behalten. Sie ist die Grundlage für die Fortsetzung der Behandlung.

Erster Kontakt

Die kleine Annalena, vier Jahre alt, ist zum ersten Mal in der Zahnarztpraxis. Nachdem sie mit ihrer Mutter von der Helferin an der Rezeption begrüßt worden ist, darf sie im Wartezimmer in der Kinderecke spielen. So kann sie sich vor der Behandlung etwas akklimatisieren.

Mit einem fröhlichen "Hallo, guten Tag, Annalena, nun komm einmal herein!" wird der nächste Schritt getan. Noch etwas zögerlich kommt Annalena kommt Annalena herein, schaut sich um, ob die Mutter auch ja mitkommt. Ich grüße die Mutter per Handschlag nur kurz und gehe sofort auf die Kleine ein; ich gehe vor ihr in die Hocke: "Hallo, Annalena, ich bin Frau Richter-Bahr, du darfst aber auch Sonja zu mir sagen. Schau her, der Stuhl da in der Ecke ist für deine Mama, aber auf den großen hier darfst du dich setzen. Jetzt schau dir das an, da sitzt ja schon wieder der Teddy. Vorhin erst habe ich ihm extra gesagt, dass du heute kommst und er dir den Stuhl frei halten soll. Der Teddy sitzt nämlich sehr gerne auf dem großen Stuhl, mit dem kann man so toll Fahrstuhl fahren. Vielleicht rücken wir den Teddy etwas zur Seite und du setzt dich daneben? Ja so ist es toll, so könnt ihr beiden auch ein bißchen miteinander kuscheln, gell?" Annalena sitzt mit dem Teddy auf dem Behandlungsstuhl und schaut sich noch etwas schüchtern um. Ich lege ihr eine Hand auf ein Bein und vertiefe den Kontakt. Ich bewundere ihre Kette, ihre wunderschöne Hose mit den Glitzersternen, ihre Schuhe mit den Blumen. Annalena nickt zustimmend und ist ganz stolz. Nach der ausgiebigen Bewunderung sage ich: "Annalena, ich werde mich jetzt mal kurz mit deiner Mama unterhalten, danach reden wir wieder miteinander, ist das in Ordnung?" Annalena nickt. Während ich die Mutter nach Besonderheiten, Besuchsgründen u. ä. frage, halte ich die ganze Zeit den Körperkontakt mit dem Kind aufrecht. Nach dem Gespräch mit der Mutter: "Annalena, wir schauen jetzt mal nach, ob du nur Mädchenzähne hast oder ob sich vielleicht ein Jungenzahn zu dir in den Mund verirrt hat, lass doch mal sehen ... "
Die eigentliche Behandlung beginnt.

Beginn der Behandlung

Wie bei fast allem liegt der langfristige Erfolg im gelingenden Beginn. Die erste Kontaktaufnahme mit dem Kind (siehe Kasten) ist sehr wichtig; sie sollte nicht durch andere Personen (z. B. Eltern, s. u.) gestört werden. Fehler und Versäumnisse lassen sich später kaum mehr ausbügeln. Als sehr günstig für einen langfristig erfolgreichen und (so weit dies möglich ist) angenehmen Besuch beim Zahnarzt hat es sich erwiesen, wenn die erste Sitzung einzig dem gegenseitigen Kennenlernen, der Kontrolle der Zähne und eventuell der Prophylaxe wie zum Beispiel Zähneputzen demonstrieren und üben, Ernährungslenkung usw. dient. Falls das Kind jedoch Beschwerden hat und akuter Behandlungsbedarf besteht, muss sofort behandelt werden; die Voraussetzungen für den Aufbau eines guten Verhältnisses zwischen Kind und mir sind dadurch ungleich schlechter.

Weitere Maßnahmen

Wie eben schon erwähnt, ist die erste Kontaktaufnahme zum Kind von entscheidender Bedeutung. Dabei ist es angebracht, das Kind auf Augenhöhe zu begrüßen und seinen Namen zu nennen. Zum weiteren Rapportaufbau (Vertrauensverhältnis) unterhalten ich mich mit dem Kind, begrüße auch das vielleicht mitgebrachte Kuscheitier, bewundern die neuen Schuhe, fragen nach dem Namen des Freundes oder des Hobbys usw. Manchmal ist auch der Gebrauch einer Handpuppe zum Kontaktaufbau hilfreich oder sogar notwendig. So lässt sich manches Kind eher von Lucie mit den roten Zöpfen in den Mund schauen als von mir. Wichtig für die gesamte Kommunikation ist die Vermeidung von Sätzen, die "nicht" oder "kein" enthalten, wie zum Beispiel "Du brauchst keine Angst zu haben, es tut nicht weh!". Das Unterbewusste kann diese Verneinungen nicht verarbeiten; zurück bleibt dann die Botschaft "Angst und weh tun". Solche Sätze können den Rapport empfindlich stören. Besser sind hier Fomulierungen wie "Es ist alles in Ordnung, du machst das ganz toll" oder "Es kitzelt nur ein wenig". Auch der Gebrauch von Fragen, die das Kind eigentlich nur mit Ja beantworten kann, erzeugen eine positive Haltung mir gegenüber und wirken sich günstig auf das Vertrauensverhältnis aus, z. B. "Bist du sieben Jahre alt?" oder "Hast du deine Zähne mitgebracht?". Stichwort Eltern: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, wenn ein Kind, das schon zur Schule geht, möglichst alleine, d. h. ohne EItern ins Behandlungszimmer kommt. Auch Mütter und Väter werden ja zuweilen noch von Angstgefühlen befallen, sobald sie einen Zahnarztstuhl sehen. Diese Ängste können sich leicht (meist unbewusst) auf das Kind übertragen und verhindern damit, dass es eigene und möglichst positive Erfahrungen macht. Die Kontaktaufnahme zum Kind gestaltet sich ohne Eltern wesentlich leichter, da ich mich als Behandler ausschließlich auf das Kind konzentrieren kann und nicht auf eventuelle Zwischenfragen oder Bemerkungen von seiten der begleitenden Person eingehen muss. Eine Begleitung, die ich allerdings gerne sehe, ist die durch ein anderes Kind. Dieses zweite Kind sollte natürlich möglichst eigene positive Erfahrungen mit dem Zahnarzt gemacht haben - idealerweise mit mir.

Stichwort "Voreinstellung"

Es lässt sich nicht vermeiden, dass im Elternhaus und natürlich auch in der Schule über Erlebnisse und Erfahrungen aus der zahnärztl ichen Praxis berichtet wird. Diese bleiben natürlich nicht ohne Wirkung auf die Kinder, und meist erzeugen sie Angst. Kindern sollte der Besuch beim Zahnarzt aber als etwas völlig Normales und möglichst Unspektakuläres vermittelt werden. Wünschenswert wäre, den Besuch beim Zahnarzt als etwas zu praktizieren wie zum Beispiel das Einkaufengehen.

Allgemein würde ich es begrüßen, wenn man im Umfeld der Kinder einen "Vertrauensvorschuss" für den Zahnarzt aufbaute; dieser ist besonders bei jüngeren Kindern sehr wichtig. Was ich mir hier als Ärztin wünsche gilt aber auch in allen anderen Bereichen, wo Menschen miteinander umgehen und aufeinander angewiesen sind, in der Geschäftswelt, in der Schule, in der Familie. Vorurteile belasten den Umgang miteinander.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie man auf Zwischenrufe o. ä. von Kindern reagiert, die auf negative Erfahrungen und Einstellungen hinweisen. Ich verhalte mich dann so:

Wenn mir ein Kind während einer Sitzung von Negativem berichtet, das es von andern Kindern oder Erwachsenen gehört hat, gehe ich auf den Inhalt selten ein, sondern bestärke sie darin, doch erst mal abzuwarten, ihre eigenen Erfahrungen zu machen, anderen nicht alles zu glauben. Dabei hoffe ich, vom schon aufgebauten Vertrauen (s.o.) zu profitieren.

Fazit

Was ich mir wünsche, sind Kinder, die mir möglichst unbefangen entgegentreten, die nicht "verbogen" sind, die verständnisvolle Eltern und Lehrpersonen haben, die ihnen die gewiss nicht immer angenehme Zahnbehandlung nicht als schrecklich und darum angsteinflößend darstellen, sondern als Hilfe für ein gesünderes Leben. Meinen Teil will ich gern dazu beitragen.

Anschrift der Autorin:

Dr. Sonja Richter-Bahr

Villeroystr. 1
66798 Wallerfangen




Artikel
"Entspannt unterm Bohrer": Artikel der Saarbrücker Zeitung über medizinische Hypnose in unserer Praxis

mehr...


Artikel
"Kinder in der Zahnarztpraxis": Artikel von Frau Dr. Richter-Bahr in der pädagogischen Fachzeitschrift "Sache-Wort-Zahl"

mehr...